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Après-Ski und M&A: 135 Anwältinnen und Anwälte diskutieren Legal Tech in den Bergen
Auch im Bereich M&A verändert Technologie, insbesondere künstliche Intelligenz, die Welt der Anwaltskanzleien.

Die vergangenen drei Tage verbrachte ich zusammen mit 135 anderen Anwältinnen und Anwälten in St. Anton, Österreich, am Skiseminar von AIJA. AIJA ist eine internationale Vereinigung junger Anwältinnen und Anwälte, die sich an zahlreichen Seminaren und Konferenzen auf der ganzen Welt mit juristischen Themen auseinandersetzt. Das von der M&A-Commission organisierte und jährlich stattfindende Skiseminar ist ein fixer Punkt im AIJA-Kalender. 2019 fand das Seminar unter dem Titel «The future of M&A: Challenges for M&A professionals resulting from AI and Legal Tech».

Als Speaker in dem von Christian Sauer moderierten Panel zum Thema «Client Expectations» habe ich mit Peter Simon (Credit Suisse) und Sameer Sah (Khaitan&Co.) die Frage diskutiert, ob es den klassischen M&A-Lawyer in Zukunft nicht mehr geben wird. Hier ein paar Fragestellungen, die wir diskutiert haben sowie meine Einschätzungen dazu.

Haben sich die Anforderungen der Klientinnen und Klienten gegenüber M&A-Lawyers durch das Aufkommen von Technologie, insbesondere AI, verändert?

Die Antwort auf diese Frage ist: Ja und nein. Die ganz grundsätzliche Erwartung bleibt gleich. Die Klienten suchen auch im Zeitalter der Digitalisierung hohe Qualität und schnelle Erledigung zum bestmöglichen Preis.

Was sich verändert hat ist die Definition von «schnell» und der Anspruch an «Qualität». Durch den Einsatz von Technologie lassen sich gewisse Aspekte in einem M&A-Projekt deutlich schneller und qualitativ besser erledigen. Wo ein Raum voller Associates Tage braucht, um die Unterlagen in einem unstrukturierten Datenraum zu screenen, kann eine gute Software auch bei grossen Datenmengen innert weniger Stunden einen guten Überblick schaffen. Doch es geht nicht nur schneller. Die Verarbeitung durch ein solches Programm kann auch dabei helfen, Fehlerquellen auszumerzen.

Gerade erfahrene Corporate Clients wissen das. Die Erwartungshaltung von Klienten hat sich in dieser Hinsicht daher verändert. Es wird heute erwartet, dass die verfügbaren Möglichkeiten ausgeschöpft werden und Anwaltskanzleien so effizient wie möglich arbeiten. Der Anspruch an die Kanzlei ist demnach eine Strategie und ein Business Modell zu finden, das ermöglicht, weiterhin ohne Zeitverlust den bestmöglichen Service zu einem konkurrenzfähigen Preis anzubieten. Dies liegt in der Verantwortung jeder Kanzlei. Wenn es nicht funktioniert, heisst das, es drehen (noch) nicht alle Zahnräder der Strategie-Maschine reibungslos zusammen. Ein Umstand, der sich in vielen Fällen beheben lässt.

Ist der Einsatz eines AI-Tools in einem M&A-Projekt ein Verkaufsargument? Beziehen Klienten in ihre Entscheidung mit ein, ob Kanzleien solche Tools verwenden?

Auf einem anderen Seminar-Panel wurde geäussert, dass die Verfügbarkeit einer guten Software zur Automatisierung des Due Diligence Prozesses bei Klienten durchaus Interesse geweckt hat und so den Verkauf ankurbeln konnte. In einer Umfrage, die Sameer Sah im Vorfeld der Veranstaltung bei 150 In-House-Counsel durchgeführt hat, tendierte die Mehrheit der Teilnehmenden dazu, die Auswahl der Anwaltskanzlei nicht von deren Verwendung einer Legal Tech Software abhängig zu machen.

Meines Erachtens kann das Vorhandensein von solcher Technologie heute ein Verkaufsargument sein. Die Entwicklung zu einer zunehmend digitalisierten Arbeitsweise steht am Anfang und noch nicht alle Firmen haben solche Tools implementiert. Vielerorts wird noch mit menschlicher Intelligenz und menschlichem Tempo gearbeitet. In einem Beauty Contest ist es für eine in-house Rechtsabteilung daher durchaus eine Möglichkeit Angebote verschiedener Anwaltskanzleien voneinander abzugrenzen.

Das wird jedoch nicht so bleiben. Technologie wird nur vorübergehend ein Verkaufsargument sein. Irgendwann werden die technischen Lösungen in vielen Bereichen Branchen-Standard sein. Diese standardisierten Tools können dann kein Kriterium mehr zur Differenzierung sein. Ausserdem glaube ich, dass grundsätzlich für den Kunden nach wie vor das Endziel und die Problemlösung im Zentrum steht. Ob die Kanzlei dies mit Software löst, interessiertdie Klientin grundsätzlich nicht solange der Output nicht leidet und der Preis stimmt. Das Argument des Gebrauchs von Tech ist folglich ein eher schwaches und sollte nicht im Zentrum eines Pitches stehen.

Wenn die Verwendung von Software (bswp. Im Due Diligence Prozess) dem Klienten nicht wichtig ist, kann ich dann als Kanzlei nicht auf AI etc. verzichten?

Nein! Auch wenn Software (langfristig) nicht eine Auswahlkriterium der Klienten ist, bleibt es für Anwaltskanzleien trotzdem unumgänglich, diese Tools zu nutzen. 

Stark vereinfacht besteht das Angebot einer M&A-Kanzlei für ein Projekt aus folgenden drei Elementen:

  1. Offerierte, inhaltliche Benefits (Expertise, Qualität, etc.)
  2. Zeitliche Umsetzung
  3. Preis

Während die ersten beiden Punkte effektiver Teil des Angebots sind, ist der Preis lediglich ein Vergleichselement. Kein Angebot ist per se teuer oder günstig. Teuer ist es nur, wenn eine andere Anwaltskanzlei das gleiche Angebot zu einem geringeren Preis anbieten kann. Sollte das passieren, dann heisst das in der Regel entweder, dass die Konkurrenz (wohl durch den Einsatz von Tech) effizienter arbeiten kann. Oder es bedeutet, dass die andere Kanzlei durch geschicktes Marketing ein eigentlich minderwertiges Angebote als vermeintlich gleichwertig verkauft. 

In beiden Fällen hat die teurere Kanzlei ein Problem. Firmen werden zunehmend Tech einsetzen. Sie werden schneller und folglich auch günstiger sein. Das Ganze bei gleich bleibender (oder steigender) Qualität. Im Ergebnis werden die Firmen, die noch traditionell und ohne schlaue Technologie arbeiten, kein konkurrenzfähiges Angebot mehr haben. Im Vergleich zu anderen Firmen werden sie schlichtweg zu teuer sein.

Ist es denkbar, dass Rechtsabteilungen von Unternehmen direkt mit Legal Tech Unternehmen zusammenarbeiten und die Anwaltskanzlei übergehen?

Es wäre erstaunlich, wenn ein General Counsel diese Frage verneinen würde. Rechtsabteilungen sind es sich als Teile von (grossen) Unternehmen gewohnt, ihre Effizienz zu steigern. In der Regel ist folglich ein grösseres Know-How im Umgang mit Technologie und Software-Implementierungs-Projekten vorhanden. Kanzleien haben hier einen gewissen Rückstand zu aufzuholen. Rechtsabteilungen haben ab einer gewissen Unternehmensgrösse zudem den Vorteil, dass sie über mehr Support verfügen. Sie können meist auf eine IT-Abteilung, internes Projektmanagement und andere Funktionen zurückgreifen.

Können Kanzleien den Rückstand aufholen?

Durchaus. Das Seminar hat gezeigt, dass sich auch in Europa viele Kanzleien mit den Tech-Themen vertieft beschäftigen. Im Vergleich zu Legal Tech Veranstaltungen vor zwei Jahren ist ein grosser Sprung festzustellen. Eine Transformation gelingt nie von einem Tag auf den anderen. Das Ganze ist ein Prozess mit einer Lernkurve und es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Firmen den Weg zur Digitalisierung gehen können. Wie beim Skifahren muss man schliesslich irgendwo anfangen.

 

Einerseits kann Wissen zugekauft werden. Als Berater hat es mich natürlich gefreut, dass ein Anwalt einer grossen skandinavischen Kanzlei auf einem anderen Panel den Beizug von Consultants wärmstens empfohlen hat. Durch dieses Vorgehen kann der Prozess beschleunigt werden. Ausserdem reduziert das Arbeiten mit erfahrenen Experten das Risiko kostspieliger Fehler.

Auf der anderen Seite ist denkbar, dass sich eine Firma das Wissen selber aneignet. Viele Kanzleien haben Junior Associates damit beauftragt, das Thema Legal Tech zu recherchieren. Der Idee ist eigentlich gut: Die Jungen sind schliesslich in der Regel die Angestellten mit dem grössten Verständnis von Technologie. Zumindest verglichen mit den älteren Senior Partnern. 

Meist versanden diese Projekte aber etwas, da diese jungen Anwältinnen und Anwälte auch nicht mit dem Thema Legal Tech vertraut sind. Im Übrigen ist es auch die Gruppe, die das Business oft (noch) nicht im so gut kennt. Es fällt ihnen daher schwer, die an Software gestellten Anforderungen zu definieren. Ohne eine solche Definition bleibt für die Recherche nur das planlose Googlen. Dort trifft man dann sehr schnell eine Welle an Marketingmessages zahlreicher Anbieter, die man irgendwie einordnen muss. Keine einfache Aufgabe.

Auch wenn die Rodelbahn aufgrund der Lawinengefahr geschlossen war, bot das Seminar ein gewohnt ausgiebiges Rahmenprogramm zum Networking. Ob auf der Piste, beim Après-Ski, während den Lunches, dem Nachtessen oder abends an der Hotelbar: Bei AIJA bleibt immer genug Zeit, um sich gemeinsam auch den angenehmen Dingen des Lebens zu widmen.

Viele spannende Diskussionen, ein gelungenes Panel mit interessanten Kollegen sowie zahlreiche gute Gespräche mit alten und neuen AIJA-Friends. Es war schön, nach drei Jahren Abstinenz mal wieder an einem Anlass teilzunehmen. Mit viel neuer Energie und Inspiration sowie einigen neuen Ideen bin ich wieder zurück in Basel.

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